|
Von Medien und Mythen
Peter Friese
in catalogue “Hésitations des sens”, C.A.C de Basse-
Normandie, Hérouville-Saint-Clair, 1998
Jean-François Guitons künstlerischer Umgang mit Video und
den damit verbundenen Technologien unterscheidet sich in vieler Hinsicht
wohltuend von vielem, was andere Medienkünstler produzieren und
inszenieren. Seine aus wenigen Elementen bestehenden aber dennoch raumfüllenden
Arbeiten könnten auf den ersten Blick als minimalistisch oder konzeptuell
bezeichnet werden, wäre in ihnen nicht auch immer eine narrative,
literarische, ja bisweilen mythische Ebene auszumachen, ein "Gehalt" also,
der sich in besonderer Weise mit der hier zum Einsatz kommenden Technik
ergänzt und überlagert. Einerseits wirken diese Arbeiten als
suggestive Bilder und Klänge unmittelbar auf unser bildhaftes, ständig
zu Verknüpfungen und Analogiebildungen bereites Vorstellungsvermögen,
ja auf unsere körperlich-räumliche Wahrnehmung insgesamt.
Andererseits wird gerade durch die Evidenz und Transparenz ihrer Anwesenheit
im Raum, durch die klare Anordnung ihrer technischen Elemente, die Mittelbarkeit
und Inszeniertheit des ganzen Unternehmens bewußt. Somit sind Guitons
Arbeiten narrativ, literarisch, mythisch und selbstreferentiell zugleich,
sie erzählen uns Geschichten, berichten aber gleichzeitig von der
Tatsache des Erzählens im Rahmen ihrer medialen Vermittlung, und
verweisen damit auch immer auf die Medien, deren Hardware hier auch im
skulpturalen Sinne zum Einsatz gelangt und so zum Thema der Arbeit werden
kann.
Die 1990 entstandene Arbeit Le Fardeau zum Beispiel besteht aus einer
riesigen Stoffbahn aus Leinen, die wie ein großes Segel oder eine überdimensionale
Hängematte von einer Wand zur anderen reicht und in deren herabhängender
Mitte ein Monitor mit dem Bildschirm nach oben liegt. Das Gewicht dieser
sprichwörtlichen Hardware spannt das große weiche Laken und
gibt ihm so eine Form, welche nur unter den Bedingungen dieser Belastung
zustande kommen konnte. Deutlich zeichnet sich auf der Unterseite des
Stoffes die runde Rückseite des Gerätes ab und das Tuch wirft
durch die Spannung straffe nach oben verlaufende Falten. So gesehen haben
wir es hier durchaus mit einem minimalistisch anmutenden Arrangement
zu tun. Doch der Monitor ruht nicht nur in seiner durch sein Eigengewicht
geschaffenen Vertiefung, sondern strahlt nach oben das Bild eines Ausschnittes
eben dieser Stoffbahn aus, als ginge es darum, das Stück Stoff,
das hier verdeckt wird, wie durch einen videotechnisch verstärkten
Leuchttisch oben wieder sichtbar werden zu lassen. Bei genauem Hinsehen
entdeckt man jedoch Bewegung in diesem (virtuellen) Tuchausschnitt. Erst
sieht es aus wie eine zarte Welle, vielleicht verursacht durch einen
Luftstrom - nur ein zartes Wehen, das das Video-Gewebe verändert.
Dann scheint es wiederum , als berühre jemand den weichen Stoff
von unten, als lebte etwas hinter, bzw. unter diesem virtuellen Laken,
dessen Gestalt man allerdings nicht konkret auszumachen in der Lage ist.
Das Bild dieser in sich permanent bewegten Stoffbahn auf dem Monitor
ist also einerseits eine reflektierte Tautologie- als ginge es dem Künstler
lediglich darum, ein Stück Realität 1:1 durch Video zu substituieren.
Andererseits überwindet der virtuelle Bildschirm-Stoff ja mühelos
die durch die reale Last des Monitorgehäuses erzeugte Spannung,
ja dieses Bild transzendiert gleichsam die Evidenz des Tragens, Lastens
und Hängens, somit die im Aufbau der Arbeit verdeutlichte physikalische
Gesetzmäßigkeit. Es ist die Veranschaulichung einer Paradoxie,
zugleich aber auch ein raumfüllendes Denkbild, bei dessen Zusammengehen
und Überlagern von Software und Hardware eine für Guiton typische
Selbstevidenz garantiert bleibt und den Betrachter zur Meditation einlädt.
Die Offenheit der Beziehung der Elemente untereinander, ein durchaus
empfindbarerer Schwebezustand, machen den besonderen ästhetischen
Reiz dieser ruhigen Raumarbeit aus. Der hier souverän veranschaulichten
Unentschiedenheit von Ursache, Wirkung und physikalischer Regel ging
indessen eine eindeutige künstlerische Entscheidung voraus, welche
im Falle von Le Fardeau notwendigerweise in dieser minimalistischen,
faktisch nur aus einer Videoeinheit und einem großen Tuch bestehenden
Installation gipfelte.
Guitons Arbeiten erzählen, ohne geschwätzig zu sein, sie beeindrucken,
ohne den Betrachter gleich mit wandfüllenden, schrankartigen oder
pyramidalen Hochstapeleien von flimmernden Monitoren erschlagen zu wollen.
Sie benutzen vorhandene oder auch gerade erst entwickelte Technologien
nur, um Erfahrungen, Einsichten und Fragen zu stimulieren, die außerhalb
dieser künstlerischen Konstellationen so nicht denkbar gewesen wären.
Die Entscheidung also, eine konkrete Ton- oder Bildfolge, eine bestimmte
Apparatur und den mit ihr verbundenen technischen Effekt zum Einsatz
zu bringen ist immer Resultat einer genauen Abwägung, Ausdruck einer
inneren Notwendigkeit innerhalb des künstlerischen Prozesses und
niemals Selbstzweck im Sinne einer Vorstellung, nach der die Kunst, nur
um möglichst gegenwärtig zu sein, sich unbedingt der allerneuesten
Technologien zu bedienen hätte.
In der 1992 entstandenen Arbeit La Ronde schafft Guiton einen durchaus
mythisch zu nennenden abgedunkelten Raum, der nur durch 4 Monitore und
eine ausgeklügelte kreisförmig rotierende Diaprojektion eindrucksvoll
beleuchtet und dominiert wird. Die Monitore sind in der Mitte des Raumes
mit ihren Bildschirmen einander so zugeordnet, daß sich ein kubischer,
nur von oben einsehbarer Bild-Raum ergibt. Auf dem Boden dieses Zwischenraumes
liegt ein quadratischer Spiegel, in dem sich die 4 Bildschirme scheinbar
unendlich fortlaufend spiegeln und so einen langen, sich nach unten verjüngenden
Schacht bilden. In diesem virtuellen Spiegelschacht zeigt Guiton in Permanenz
Videoaufnahmen von flüssiger, rotglühender Lava, welche hier
langsam aber um so bedrohlicher nach unten zu fließen scheint.
Dröhnende Geräusche, welche aus den Lautsprechern der Monitore
kommen, tragen zur Intensität dieses Bildes bei: Es klingt tatsächlich
wie das Grollen eines Erdbebens, wie das Rumoren, Prasseln und Fauchen
in einem Vulkanschacht. Guiton nutzt hier konsequent die vorhandene Hardware,
also die ohnehin skulptural wirkenden Monitorgehäuse, um mit einem
an sich simplen, aber höchst effektiven Spiegeltrick einen künstlichen
Vulkanschacht zu schaffen. Die vier schwarzen Blöcke kombiniert
mit der Kraft des hellrot leuchtenden Feuers und das donnernde Grollen
aus den Lautsprechern reichen aus, um mit technischen Mitteln die Vorstellung
einer gewaltigen Naturkraft zu inszenieren.
Hier soll nicht davon die Rede sein, Guiton manipuliere die Betrachter,
er beeindrucke sie mit dramatischen Hell-Dunkel-Effekten und einem mysteriösen
Soundtrack, wie wir ihn von manchen Kinofilmen her kennen. Dagegen spricht
von vornherein die Evidenz des technischen Arrangements, die zum Thema
der Arbeit gehörende Mediatisierung und Substituierung eines Vulkanschachtes
durch Video. Die Erhabenheit eines (faktisch denkbaren) Naturphänomens überlagert
sich hier mit der vergleichsweise lächerlichen technischen Ersatzkonstruktion
eines Mini-Vulkans. Und das sieht, spürt und reflektieren in diesem
Falle sowohl der Künstler, als auch der Betrachter.
Aber das ist noch nicht alles: über diesem leuchtenden Video-Schlot
und damit über den Köpfen der Betrachter dreht sich ein makabrer
Tanz aus einer anscheinend nicht enden wollenden Reihe von Totenköpfen
und mumifizierten Menschenschädeln. Guiton arbeitet hier mit einer
Diaprojektion, welche durch einen rotierenden Spiegel in eine Kreisbewegung
versetzt wird und sich so über die gesamten Wände des Raumes
bewegt. Die Motive dieses Totentanzes stammen aus Palermo, wo im Convento
di Cappucini noch bis ins 19. Jahrhundert hinein an einer merkwürdigen
Bestattungsform festgehalten wurde. Die Toten wurden über speziellen Öfen
getrocknet und in aufrechter Haltung in Reih' und Glied mehr ausgestellt
als beigesetzt. Besucher flanieren noch heute dicht an den
Zu dürren Kadavern mit grotesken Fratzen erstarrten Toten vorbei.
Guiton läßt nun Nahaufnahmen der bizarren, anscheinend grinsenden
Gesichter über den Köpfen der Betrachter kreisen. In der Verbindung
beider Elemente von La Ronde, im Zusammenwirken des projizierten Totentanzes
mit dem Video-Vulkan entsteht ein intensives Gesamtbild, das mühelos
mit mythischen Vorstellungen aus unserem kulturellen Fundus korrespondieren
kann: Tod und Verdammnis, Hölle und Fegefeuer, Mementi Mori, apokalyptische
Bilder des jüngsten Gerichtes, welche einst entstanden sind, um
die Diesseitigkeit des Lebens an eine bildhafte Vorstellung eines Jenseits
anzubinden. Wenn Mythos eine urheberunabhängige Erzählung ist,
die sich in Bildern, Vorstellungen und Geschichten in einer gewissen
Eigendynamik fortsetzt, dann ist Guiton ein Mythenerzähler, einer,
der etwas verbildlicht und auf ganz spezielle Weise weitertradiert, das
schon lange existiert. Eigentlich eine uralte Aufgabe der bildenden Kunst
und in den Augen vieler ein Anachronismus. Guiton greift diesen Wesenszug "religiöser" Kunst
(re-ligere = Rückbindungen schaffen) auf, um sie ausgerechnet als
elektronische Visionen am Ende des 20. Jahrhunderts konkret werden zu
lassen. Er gebärdet sich hier als souveräner Vermittler von
kollektiven Angst- und Traumbildern, als Mythopoet im Zeitalter neuester
Medientechnologien und beweist förmlich die Existenz und die noch
immer vorhandene Brisanz solcher Vorstellungen, welche sich im Sinne
einer "Faszinationsgeschichte" entwickeln konnten. Auch und
gerade weil sich der Tod immer schon als das Fernste , das absolut Andere,
eigentlich Nicht-Darstellbare erwiesen hat, nur als Diskurs seiner permanenten
Um-Schreibung in unserem Denken existieren kann, überrascht und
legitimiert sich eine solche Substitution des eigentlich durch Worte
und Bilder nicht Einholbaren durch ihre suggestive Kraft und raumfüllende
Energie. Man könnte auch sagen: Die Videoinstallation La Ronde bezieht
ihre eigentliche Stärke und ihre Gültigkeit aus ihrem veranschaulichten
Scheitern an diesem Anderen; eben weil sie die Unmöglichkeit einer
Erfassung des Todes , in sich selbst zur Darstellung zu bringen vermag,
sozusagen in sich "hineingebildet" hat.
Natürlich ist hier ein Betrachter vonnöten, der in der Lage
ist, sich auf ein solches Angebot, ein solches Experiment mit seinen
Sinnen und seinem Verstand einzulassen, der das Zusammenwirken dieser
mysteriösen Bilder und dramatischen Klänge nicht einfach nur
als intensives synästhetisches Erlebnis mit hohem Unterhaltungswert
abhakt, sondern der hier die Chance zu einer ästhetischen Auseinandersetzung
zu nutzen weiß. Wir sehen, hören, erleben und erfahren diese
Klänge und Bilder aufs Intensivste und sind doch immer bereit, sie
als gemachte, konstruierte und arrangierte zu reflektieren und anzuzweifeln.
Wir sind als Subjekte durchaus in der Lage, über die Bedingungen
der Möglichkeiten einer derartigen ambivalenten Erfahrung nachzudenken.
Dazu gehört auch die Möglichkeit zu zweifeln, die Gültigkeit
eines Bildes im kulturellen Kontext kritisch zu hinterfragen. Dies sind
durchaus Indizien einer ästhetischen Auseinandersetzung, welche
kaum noch etwas mit kulinarisch-sinnlichem Schwelgen allein zu tun hat
und die in Guitons Werk regelrecht angelegt ist.
Zu ebenso selbstreflexiver Betrachtung verführt auch die interaktive
Arbeit Le Vol du Regard aus dem Jahr 1977. Hier Handelt es sich um einen
Raum, auf dessen Wänden, flächendeckend die Videoprojektion
einer dichten tropischen Vegetation zu sehen ist. Hörbar ist ein
regelrechter Klangteppich aus verschiedenen Vogelstimmen. Piepsende,
kreischende, schnarrende und glucksende Laute vermitteln hier eine Art "ganzheitliches" Dschungelerlebnis,
das natürlich im Sinne Guitons durch die Reflektierbarkeit seiner
technischen Vermittlung relativiert und zugleich als Videoinstallation
bestätigt wird. Im Laufe von 15 Minuten ändert sich das Grün
des Dschungels, es verblaßt, als hätte jemand am Farbregler
eines Fernsehgerätes gedreht, um schließlich wieder neu zu
erblühen. Mitten im Raum steht ein Vogelhaus auf einer Stange, wie
man es von Gärten und Parkanlagen her kennt: die Nachempfindung
eines Giebelhauses mit einem kleinen runden Schlupfloch für virtuelle
Vögel auf der vorderen Wand. Wegen seiner Ausrichtung auf die Kopfhöhe
eines potentiellen Betrachters ist es aber zugleich ein Guckloch, das
zum Hineinsehen einlädt. In der Tat vermittelt sich ein Zusammenhang
zwischen der eindrucksvollen Dschungelkulisse, den raumfüllenden
Vogelstimmen und diesem Vogelhaus. Doch sobald jemand die hier konkretisierte
Einladung annimmt, wie ein Voyeur durch das Loch zu schauen, sobald sein
Kopf in die Nähe des Guckloches kommt, verstummt schlagartig die
wilde Klangkulisse, herrscht Stille im Raum. Im Kasten selbst sind wiederum
Videobilder zu sehen - allerdings in Kleinformat. In einem kaleidoskopartigen
Raster entdeckt man die schemenhaften Schatten verschiedener Vögel übereinander-
und durcheinanderfliegen und hört jetzt, weil ja der große
Zwitscherklang abgeschaltet wurde, ein permanentes Flattern , das ebenfalls
direkt aus dem Inneren des Kastens kommt, gleichsam die akustische Innenwelt
der gerade verstummten Außenwelt. Der Vogelkasten offenbart also
etwas, das nur unter Ausschluß des Außenraumes sichtbar und
vernehmbar ist. Dieser Mechanismus funktioniert auch dann, wenn sich
andere Besucher im Raum befinden. Doch es gibt in diesem inneren Videobild
noch etwas zu entdecken: Nur schemenhaft, oder wie eine Andeutung hinter
dem kristallinen Raster erscheint gleichsam durch die flatternden Vogelsilhouetten
hindurch ein zunächst rätselhaftes Motiv. Erst wird man eines
fleischfarbenen Hintergrundes gewahr und dann kann man bei ganz genauem
Hinsehen den Ausschnitt eines bekannten und zugleich ins Gerede gekommenen
Bildes von Gustave Courbet entdecken. "Der Ursprung der Welt" aus
dem Jahr 1866, das den dunklen Schoß einer Frau zwischen ihren
gespreizten Schenkeln zeigt. Guiton referiert also nicht allein das Thema "Natur" oder "Wald
mit Vogelstimmen", sondern ein in unserer Kultur verankertes Bildmotive
mitsamt seiner Metaphorik und Mehrdeutigkeit. Das klingt schon bei der
Titelwahl Le Vol du Regard an, was in der französischen Sprache
sowohl "Blickfang", "Raub des Blickes", als auch "Flug
des Blickes" bedeuten kann. Der Betrachter wird zwar hier zum neugierigen
Sehen verführt, doch wird er erst kraft seiner eigenen Entscheidung
zum Voyeur. Dies wird ihm spätestens bewußt, wenn beim Blick
durch das Loch die Vogelstimmen verstummen. Guitons Reverenz an Courbet,
welche sich wegen der erwähnten kaleidoskopartigen Rasterung und
Dopplung des Bildes eher verbirgt als offenbart, ist jedoch nicht der
einzige Bezug dieser Arbeit zum Fundus der Kunstgeschichte. Zwischen
den Jahren 1946 und 1966 entwickelte Marcel Duchamp die merkwürdige,
hochkomplexe, bis heute nur wenig rezipierte Arbeit ."Étant
donnés: 1. la chute d'eau, 2. le gaz d'éclairage",
welche sich im Philadelpia Museum of Art befindet und bei der eine ähnliche
Grundsituation für den Betrachter gegeben ist. Zunächst betritt
man eine Art Durchgangsraum, in dem nichts als ein stark verwittertes
Holztor zu sehen ist. Schließlich entdeckt man darin in Kopfhöhe
zwei kleine Löcher, welche " wie könnte es anders sein
- zum Durchsehen einladen. Auf diese Weise durch die eigene Neugierde
zum Voyeur geworden, sieht man durch den verengten Blickwinkel einen
Landschaftsausschnitt in der Art eines Dioramas. In dieser künstlichen
Natur liegt offensichtlich eine unbekleidete Frau mit gespreizten Schenkeln
den Gucklöchern direkt gegenüber. Vorwegnahme des Blickes in
eine Peep Show, zufällige Duplizität der Ereignisse und Entscheidungen
- oder was sonst?
Was Duchamp schon wußte und Guiton heute als Reverenz wieder aufleben
läßt, ist folgendes: Dem Akt des Voyeurs liegt eine spezifische
Form der Selbsterregung zugrunde, für welche die Ferne und prinzipielle
Unerreichbarkeit seines Objekts der Begierde eine notwendige Voraussetzung
ist. Im Prinzip reichen ihm eine vage Andeutung und der eingeschränkte
Blick durch ein Schlüsselloch schon aus. Es geht um Seh-Lust, welche
immer gekoppelt ist an ein gewisses Vorstellungsvermögen, an eine
sehnsüchtige Verlagerung eines fernen Bildes in den Kopf des Betrachters.
Wenn man Voyeurismus im pathologischen Sinne eher als Verarmung zwischenmenschlicher
Beziehungen ansehen könnte, geht es hier auf künstlerischer
und zugleich diskursiver Ebene um die Bewußtmachung dieser Seh-Lust
und des damit verbundenen Vorstellungsvermögens als autopoetische
Energien. Künstlerisch gewendet gerät der Blick durch das Loch
zwischen die Schenkel einer Frau also nicht einem armseligen onanistischen
Endpunkt, sondern vielmehr zu einem neuen Anfang der Betrachtung. Jemand,
der in der Lage ist, seinen eigenen Anteil an der Wahrnehmung, seine
Erwartungen, Projektionen, Interpretationen und Vorurteile als Bestandteile
eben dieser Wahrnehmung mitzureflektieren, tut mehr, als nur libidinös
zu registrieren, was sich faktisch vor ihm befindet. Der Zweifel an der
Eingeschränktheit des eigenen voyeuristischen Blickes, das Bewußtwerden
dieser auf einen Punkt fixierten Leidenschaft wird hier Bestandteil des
Sehprozesses und führt zu einer Erweiterung der Einsichten und Erfahrungen,
wie sie im gewöhnlichen Voyeurismus des Alltags praktisch nicht
möglich sind. Guiton macht den Betrachter hier nicht zum Protagonisten
einer an sich überflüssigen merkwürdigen Versuchsanordnung,
sondern definiert ihn als ein souverän über seine Erfahrungen
nachdenkendes Subjekt. Die "Interaktivität" dieser Arbeit,
welche durch den Einsatz von Sensoren und computergestützten Bild-
und Tonsystemen ermöglicht wird, ist somit nicht das Ziel, sondern
lediglich der Weg oder die Methode dieser sich ansonsten in den Kopf
des Betrachters verlagernden Rauminstallation.
Ein Denkbild besonderer Art ist auch die 1997 entstandene Arbeit Der
Rattenfänger . Beim Betreten des abgedunkelten Raumes entdeckt man
eine große Anzahl auf dem Boden liegender ovaler Lautsprecher,
welche anscheinend in einem gewundenen Strom in eine Richtung streben.
Man fühlt sich ein wenig an einen aus der Luftperspektive fotografierten
Verkehrsstau auf der Autobahn erinnert. Die kleinen Teile sind mit dünnen
Kabeln verbunden, welche ebenfalls die Richtung des gewundenen Wegverlaufs
beschreiben. Was diese Kabelanschlüsse augenfällig machen,
ist indessen schon beim Betreten des Raumes zu hören: Ein regelrechter
Klangteppich aus dem Piepsen vieler kleiner Nagetiere, das permanente
Trappeln tausender kleiner Pfoten und leise Schleifgeräusche. Die
Assoziation "Ratten"! drängt sich eher schon intuitiv
als im Sinne einer gedanklichen Folgerung auf. Diese permanente Klangkulisse
erfüllt den ganzen Raum. Doch das ist noch nicht alles: Aus einem
Bereich hinter einem Wandabschnitt, von dort, wohin dieser virtuelle
Rattenstrom anscheinend hinstrebt, kommt ein dumpfes Grollen, ein wenig
dem Vulkangeräusch von La Ronde ähnlich, aber noch überlagert
von einem Fauchen und Gurgeln. Verfolgt man den Weg der Lautsprechermeute
(es sind übrigens 100) und geht man dabei gleichzeitig seinem Gehör
nach, macht man eine gemessen an der Virtualität ihrer Erscheinung
einigermaßen grausige Entdeckung: Die technischen Ratten streben
alle einer großen Videoprojektion zu, die auf den ersten Blick
an einen ovalen oder rhomboiden Schlund erinnert. Rhythmisch öffnet
und schließt sich hier ein monströses Loch, dröhnt, dampft,
zischt und scheint sich den Rattenstrom in pumpenden konvulsivischen
Schluckbewegungen einzuverleiben..
Eine wabernde, kochende zu heftigen Eruptionen fähige Öffnung der
Erde, ein bedrohlicher Höllenschlund. Auch drängt sich bald die Assoziation
eines eher angst- als lustbesetzten weiblichen Geschlechts auf, einer spaltenartigen,
sich ständig erweiternden und wieder verengenden, aber immer größer
und bedrohlicher werdenden Vagina, welche im Freudschen Sinne als kastrierende
(dentata) und im Sinne von Georges Devereux als angst- und lustbesetzte mythische
Vulva empfunden werden kann. Wenn man so will, konfisziert Jean Francois Guiton
hier wiederum in unserem kulturellen Fundus verankerte Vorstellungen. Er bezieht
sich zudem intuitiv und zugleich überlegt auf das (deutsche) Märchen
vom Rattenfänger von Hameln, wonach ein mysteriöser Fremder die Stadt
von einer schlimmen Rattenplage befreite und schließlich, als man ihn
dafür nicht entlohnen wollte, alle Kinder " genau wie er es vorher
mit den Ratten gemacht hatte " mit dem Klang einer Flöte aus dem
Ort lockte und in einer Höhle für immer verschwinden ließ.
Guiton illustriert indessen weder diese noch irgendeine andere Geschichte,
seine Arbeit degradiert sich nicht zum effektvollen Szenario einer auch auf
andere Weise erzähl- oder erfahrbaren Angelegenheit, sondern ist Grundlage
und Stimulus einer besonderen, nur in dieser Form möglichen Erfahrung.
Die Tatsache, daß in seinen Arbeiten immer wieder uralte Topoi, Mythen,
archaische Bilder, Symbole, Angst-, Lust- und Todesvisionen auftauchen, zeugt
nicht etwa davon, daß er hier Versuche unternähme, vergangene, längst
bedeutungslos gewordene oder vergessene mysteriöse Zeichen auszugraben
und in anachronistischer Form zu reaktivieren, sondern eher das Gegenteil ist
der Fall: Diese Zeichen und Bilder sind auch im Medienzeitalter gegenwärtig.
Sie gehören seit einem Jahrtausenden tradierten, sich dabei permanent
wandelnden Fundus, welche auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch immer Bestand
hat. So wie Guiton sie uns vorstellt, werden sie uns in ihrem Wesen als wandelbare,
uminterpretierbare und für verschiedene Zwecke einsetzbare bewußt.
Mythos funktioniert auch im Medienzeitalter wie eine "stille Post":
Bilder und Geschichten reichern sich mit unterwegs Aufgenommenen an, ändern
sich dabei und sind bisweilen kaum noch wiederzuerkennen. Doch geht es Guiton
als Mythenerzähler im Medienzeitalter nicht darum, im Rahmen einer sentimentalen
Trauerarbeit medienbedingte Verluste zu beklagen, sondern es geht ihm um den
souveränen gegenwärtigen Umgang mit dem noch immer vorhandenen Reichtum
an Bildern, Vorstellungen und ihren sich gegenseitig überlagernden Bedeutungen.
Das Spezifische einer solchen von ihm angestrebten Kunsterfahrung aber ist
nicht durch Diskurse ersetzbar, ja es ist in der Lage, sich einer sprachlichen
Erfassung erfolgreich zu widersetzen, es siedelt sich dort an, wo Sprache nicht
mehr oder noch nicht zu greifen vermag. Und Jean-François Guiton ist
davon überzeugt, daß Video ein geeignetes Mittel bzw. "Medium" dafür
ist.
.Peter
Friese @
|