Um eine Windmühle zu porträtieren

 

Heike Laermann

in catalogue “Jean-François Guiton”, Dunkerque 1990 

 

 

Literarische Themen spielen im Werk von Jean-François Guiton eine nicht eben geringe Rolle. Doch stehen seine literaturbezogenen Videoarbeiten keinesfalls in illustrativem Verhältnis zu den jeweiligen Vorlagen. Vielmehr wird die Essenz, der abstrakte Gehalt eines Gedichtes oder Romans mit Hilfe eines anderen Mediums und dessen spezifischer, äußerst reduziert eingesetzter Sprachmittel rebkonkretisiert. In diesem Sinne strebt Jean-François Guiton keine Inszenierung wohl aber Interpretationen der Vorlagen an, die in seiner Formulierung um bedeutende Aspekte erweitert werden.

 

Im Unterschied zu den Gedichten “Pour faire le portrait d’un oiseau” (Jacques Prévert) und “L’albatros” (Charles Baudelaire) ist das Windmühlenabenteur des Don Quijote de la Mancha mehrfach bearbeitet worden. Sowohl das Videoband “Coup de vent” als auch die beiden Videoinstallationen “Pour Dulcinée I und II” befassen sich mit dem aussichtslosen Angriff, den der unverbesserliche Idealist glaubte, gegen die vermeintlichen Giganten richten zu müssen. Thema der Vorlage wie der videographischen Interpretationen ist die sinnlose Unermüdlichkeit, die ein sich verselbständigender Kampf selbst dann erreicht, wenn er ‘gegen Schatten’ ausgefochten wird.

 

Während in “Coup de vent”, dem Videoband, alle Ebenen der ‘rekonstruierten Erzählung’ in lineare Folge gebracht werden mußten, konnten die Installationen “Pour Dulcinée I und II” räumlich strukturiert werden. Hier treten anders als in “Coup de vent” die ‘Protagonisten des Geschehens’, die ‘Windmühlen’ und der ‘kämpfende Held’ getrennt auf.

 

Die Windmühlen, in der ersten Fassung der Installation als ihre eigene hochbeinige, papieren-geflügelte und extrem labile Karikatur tatsächlich anwesend, drehen sich gleichmäßig und unerschütterlich in sicherer Entfernung, so mutmaßt man, von dem Monitor, der den mit Handschuh und Stock gewappneten, bald die Lage abschätzenden, bald aus dem Dunkel losschlagenden Aggressor zeigt. Wird die ins Groteske gesteigerte Umverhältnismäßigkeit des Angriffs auf den ersten Blick ersichtlich, kann sie jedoch nicht lange mit einem Schmunzeln quittiert werden. In das räumliche Spannungsfeld der Installation eingetreten, wird man über kurz oder lang in ein ambivalentes Rollenspiel gezwungen. Hier den Angreifer, dort den Angegriffenen vertretend, sieht man sich, aus der überlegenen Distanz gerissen, letztendlich selbst bereit, den sinnlosen Kampf mit den Windmühlen aufzunehmen.

 

Die Installation konfrontiert, indem sie eine skulptural-faktische Größe -die Windmühlen- einer videographisch-fiktiven Größe -dem Angreifenden- gegenüberstellt, eine reale mit einer irrealen ‘Erzählstruktur’. Die Wirkung ist durchaus irritierend, glaubt man sich auf Grund der Kenntnis des Windmühlenabenteuers doch dazu veranlaßt, das Geschehen ungeachtet der verschiedenen Wirklichkeitsstufen als folgerichtig und zusammenhängend zu deuten. Geradezu entlarvend mutet die völlig unwahrscheinliche ‘Unverletzbarkeit’ der Windmühlen an, die sich trotz der vermeintlichen schweren Angriffe, unbeschadet weiterdrehen. Die konstruierte Geschichte erweist sich -ungeachtet ihrer Bedeutung- als Projektion des Betrachters: die Geschichte wird nicht erzählt, man erzählt sie selbst.

 

Im Gegensatz zu dieser ersten Bearbeitung des Themas, sind in der zweiten Fassung die Windmühlen nicht als Objekt präsent, sondern werden durch das von drei Monitoren synchron wiedergegebene Motiv ihres Flügelschlags angedeutet. Diese Veränderung -das Bild auf dem vierten Monitor(der Angreifende) entspricht dem der ersten Fassung- hat signifikante Folgen für die Wirklichkeitsebene, auf der sich das thematisierte Geschehen abspielt. Schien es in der ersten Fassung, insofern die Windmühlen konkret vorhanden waren, in die Betrachterrealität hineinzugreifen, so läuft es nun auf einen gänzlich fiktiven Niveau ab. Inmitten des realraues scheint sich ein fiktiver Raum installiert zu haben, ein Raum, der sich nur mit den Augen des ‘Kämpfenden’ sehen läßt, verändert sich doch die Perspektive, aus der die Windmühlen gezeigt werden in eben dem Maße, in der der ‘Held’ zu Boden geht.

 

Jean-François Guiton gelingt auch mit dieser zweiten Fassung eine komplexe Integration von Wirklichkeit und Fiktion, von Erlebnis und Erzählung; er läßt den Gehalt des Windmühlenabenteurs aktuelle Relevanz gewinnen.

 

Heike Laermann