Coup de vent

Mutmaßungen über ein Video und seinen möglichen Betrachter 

 

 

Norbert Nowotsch

in Deutsche Video-Kunst 1988-1990, Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl 

 

 

Angenommen, jemand hat nie zuvor ein Video von Jean-François Guiton gesehen. Angenommen, jemand hat vorher überhaupt noch nie ein Video gesehen, jedenfalls kein künstlerisches. Was sieht er hier, was kann er überhaupt sehen? Zuerst einmal einen Lichtpunkt, der scheinbar elektronisch erzeugt, sich wie der Suchstrahl eines Radars in Zeitlupe über den Bildschirm bewegt.

Kann ein fernsehend chipverwöhnter Betrachter die Faszination dieses sich mal zuckend, mal weich durchs Bild bewegenden Lichtpunktes verstehen? Ist es für ihn elektronisch, magisch oder schlicht belanglos?

Hier bietet Gutions Band in hervorragender Weise Einstiegspunkte an, da es sowohl eine phänomenologische, als auch eine analytisch reichhaltige Ebene besitzt.

Sogar eine frühzeitige Entschlüsselung der Kerngeschichte, also der berühmte “Aha”-Effekt als praecox-Variante, läßt weder Langeweile noch Desinteresse aufkommen: Beide Ebenen sind gleichermaßen ergiebig und tragend bis zum Schluß. Doch zurück zum Geschehen auf dem Bildschirm. Dort huscht etwas überraschend und doch solide durchs Bild, vermittelt Wucht, Gewicht(igkeit), aus sich selbst heraus, bleibt aber vorerst noch undefinierbar.

Den fast monochromen Bildern gesellt sich eine Farbe hinzu, eigentlich die einzige im Verlauf des gesamten Videos, ein in “Yves-Klein”-Blau gewendeter Mensch.

Handschuhe werden angezogen, signalisieren eine Vorbereitung auf kommende Taten.

Und tatsächlich, schon der zweite Blick zeigt, daß auch minimale Bildeindrücke vielfältige Aspekte entfalten, der unscheinbare, flache Lichtpunkt wird zu einer erkennbar dreidimensionalen Form, wird Gegenstand, wird definierter Gegenstand, wird Stock, wird Waffe.

Ein Bildweg also von Andeutung, von Umschreibung zum Ding, zum zweckgerichteten, zum entfremdeten Nutzgegenstand. Lautlos wischt es wieder durchs Bild, ein Kampfschrei, ein Probeschlag; schritt für Schritt entwickelt sich eine Dramaturgie …

 

Parallel zu den Bildern erlernt man den Ton: schwerer Atem, der Windstoß, das pfeifende Durchschneiden der Luft mit dem Schlagstock, ein flatterndes Dröhnen noch nicht identifizierter Objekte …

 

Und wie der Wind sind auch Vogelschrei und Pferdeweihern Spannungsanzeiger, sie deuten auch auf das spätere Thema hin, sind also gleichsam analytisch und phänomenologisch zu nutzen.

 

Auf Bewegung folgt Ruhe, aber sie ist nicht endgültig, ist Ruhe, die Erwartung erzeugt, Ruhe vor dem Sturm.

Radikaler Wechsel auf der Tonebene, ein Zitat ertönt: “Von dieser Stunde an wird jeder wissen, daß eure Unbesiegbarkeit nur eine Legende ist.”

Die überzogene Dramatik der anschließenden Filmmusik entfaltet sich an der Stille der ihr folgenden Bilder, der darauf folgende Bildwischer erhält dadurch noch einmal verstärkte Wirkung.

 

Kurz aneinandergeschnittene, sich wiederholende Bewegungen des Kämpfers, die in ihrer aufgesetzten, geradezu verzweifelten Mechanik ganz allgemein das kämpferische Ritual in Frage stellen, auch eher disparat gegen die in stetigem Rhythmus schwingenden hellen Elemente wirken, vermitteln Kontinuität und aus sich selbst heraus wirkende Kraft.

 

Die extensive Technik des Slow-Motion, im übrigen die einzige technische”Raffinesse”, derer sich Guiton bedient, fordert einen kleinen Exkurs, den jedoch jeder halbwegs regelmäßige Kinobesucher oder Fern-Seher leisten kann. Mit Hilfe dieses Kunstgriff s, dessen eigentlicher, technischer Anlass wohl die Analyse, speziell die Bewegungsanalyse war, die dann im weiteren Verlauf der Filmgeschichte häufig besondere Bewußtseinszustände (vorzugsweise Traum, aber auch Rausch) andeuten sollte, entwickelten Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Regisseure von Penn über Peckinpah bis Camion eine neue, erschreckende Dramaturgie des Sterbens, eine zeitgenössische Variante des Totentanzes.

Eine Auseinandersetzung mit der Sprache im eigentlichen Sinne findet in Gutions Video explizit an zwei Stellen statt: das gesprochene Wort im Off, als reales Film(ton)Zitat und ironisch wirkender Verweis auf ein umstrittenes Filmgenre und das geschriebene Wort im Titel, der fast als Inhaltsangabe des Videos gelten kann.

insgesamt, als direkte Übersetzung, deutet er das vorübergehende, episodenhafte der Aktion an, verweist natürlich gleichzeitig auf ein sicht- und hörbares tragendes Element des Videos.

 

im”coup” sind zusätzlich viele der essentiellen Bewegungen des Videos enthalten: der Schlag, der Stoß, der Stich, auch der “Knall” der Klimax.

Ebenso kann “vent” nicht nur Wind, sondern auch Luft sein und verweist so auf die Varianten der Geräusche, vom Windstoß bis zum Lufthauch und zum Atemzug.

Aus beiden Einzelinterpretationen ließe sich sogar wieder die “geschlagene Luft” beim Hieb zusammensetzen.

 

Wichtig auch die Doppelfunktion des Tons, der gleichsam Klonen der Spannung liefert: Pferdeweihern, Vogelschrei, heulender Wind: In diesen Augenblicken übernimmt der Ton die Handlungsführung vor dem Bild, ja, er nimmt sie bisweilen sogar auch voraus, während das Bild “abwartet”.

Hier vermittelt sich unter anderem auch die Erkenntnis, daß Synchronizität von Bild und Ton nicht immer gleichzusetzen ist mit ihrer Identität.

 

Zurück auf den Schirm. 

Dem Angriff mit Waffenlärm und Kampfschrei folgt das Siowmotion-Bild als Nachläufer, als instant replay, stumm und nur noch halb so spannend: Der so oft in den Videos vernachlässigte Ton darf seine gestalterische Macht zeigen.

 

“Scharfe” Geräusche begleiten die Bilder nach dem Kampfhöhepunkt, sie signalisieren Schaden, Zerstörung. Ruhe und wieder Kontinuität in Ton und Bewegung eines der Kontrahenten deuten auf den Sieger hin, und erst hier eröffnet sich eindeutig die Lösung im Bild: Eine Windmühle, ein Kampf gegen die Windmühle, das alte Thema des Cervantes, der Don Quichotte als Mann in Blau, und eine Rosinante war es wohl, die man wiehern hörte.

Versteht man Quichottes Kampf gegen die von ihm für Riesen gehaltenen Windmühlen auch als Kampf gegen die Allmacht der Technik, bekommt Gutions Zurückhaltung beim Einsatz elektronischergadgets noch eine zusätzliche Note. Aber Vorsicht!

Man darf nicht vergessen, daß Cervantes’ Epos auch als Schellenroman gilt, als eine Satire auf gesellschaftliche Zustände seiner Zeit.

Deshalb, wer ist nun wer? Ein letztes Rätsel, das auch nicht mehr durch das Video gelöst wird.

Besonders Filme wie dieser holen die Video-Kunst immer wieder aus den accelerator-board der Animationscomputer oder den Codierungsrastern der Splitscreen-Steuerungen zurück, lassen einen reduzierten Umgang mit der Technik nicht als trotzige Unzulänglichkeit erscheinen, sondern als einen für die Weiterentwicklung notwendigen, parallelen Weg.