L’Albatros

 

Christoph Schreier

Aus dem Ausstellungskatalog “ Meine Zeit - Mein Raubtier”, Düsseldorf 1988

 

 

Eine Videoinstallation, deren wichtigste Bestandteile sind ein auf dem Boden liegender “Stoffdrachen” und ein Monitor hoch oben in der Raumecke. Verbunden werden diese beiden Elemente durch ein Kabel, das von einem unter dem Drachen verborgenen Videorecorder bis zum Monitor hinaufführt, ja, sich sogar in der Fiktion des dort ablaufenden Videofilms fortsetzt. Nun zur Schnur transformiert, stellt es den letzten Kontakt des hoch fliegenden Drachens zur Erde her, repräsentiert es dessen letzte Bindung an sein entfunktionalisiertes Pendant, das Drachenobjekt auf dem Boden. Insofern verknüpfen also Kabel und Schnur die Pole der Installation, die zwei Erscheinungsformen des Gegenstandes “Drachen” und rufen zu deren Vergleich auf.

Schon der erste Eindruck ist gleich der des Gegensatzes. Die schwebende Leichtigkeit des fliegenden Drachens kontrastiert mit der den Gesetzen der Physik unterworfenen Materialist des Tuchdrachens, der im Vergleich zwar selten immobil und statisch, dafür jedoch ungleich “realer”, gegenwärtiger erscheint. Greifbar, gleichsam physisch er-faß-bar, bestimmt er den Ausstellungsraum durch seine konkrete Präsenz als Objekt, durch eine materielle Gegenwart, die der Videofilm gerade aufzuheben sucht. Dieser zeigt uns eine Vision der Dinge jenseits ihrer Faktizität als physikalisches Objekt, jenseits des konkreten Raumes und der Zeit, in der wir uns bewegen. So verhalten sich also die beiden Komponenten dieser Installation konträr, aber doch ergänzend zueinander. Wie Fiktion und Realität, poetischer Traum und prosaische Wirklichkeit dialektisch verbunden, spielen sie das Spiel differenter Realitätsebenen, um das Spektrum unterschiedlicher Erfahrungen von Wirklichkeit an einem einzigen Objekt aufzumachen.

Dass es Guiton vor allem hierum, um die Vergegenwärtigung fast diametral entgegengesetzter Erfahrungsmöglichkeiten geht, steht außer Frage. Interessant ist aber, dass er sein Thema den Medien nicht aufzwingt, sondern diese sehr reflektiert und mediengerecht einsetzt. s betont er die materiellen, physikalischen Eigenschaften des Stoffdrachens und macht aus diesem ein allen Funktionen entkleidetes Objekt im Raum. Auf der anderen Seite nutzt Guiton die de-realisierenden-, raum- und zeitsprengenden Qualitäten des “visionären” Mediums Fernsehen/Video zur Evokation der schwebenden Leichtigkeit des fliegenden Drachens. Zielt Guiton also letztlich auf eine Sensibilisieren des Betrachters durch kontrastierende Erfahrungsangebote, so verliert er doch die Eigenschaften der verwendeten Medien nie aus dem Blick.

Gerade unter diesem Aspekt könnte die Düsseldorfer Arbeit von Guiton eine Art Scharnierstelle im Rahmen der Ausstellung markieren, verbindet sich doch in gewisser Weise deren Pole, die Funktionalisierung und die Thematisierung der Medien im Bereich der Plastik.

 

Christoph Schreier 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Albatros 

 

Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,

Das Schiffsvolk einen Albatros ergreift,

Den grossen Vogel, der in lässigen Flügen

Dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.

 

Doch, ­ kaum gefangen in des Fahrzeugs Engen

Der stolze König in der Lüfte Reich,

Lässt traurig seine mächtigen Flügel hängen,

Die, ungeschickten, langen Rudern gleich,

 

Nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.

Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!

Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,

Verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.

 

Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,

Er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn ;

Doch unten in des Volkes frechem Toben

Verhindern mächtige Flügel ihn am Gehen.

 

Charles Baudelaire, Les Fleurs du mal, 1857