Die Kunst der Andeutung

zu Jean-François Guiton: “La tache”

 

Dieter Daniels

in Apex Nr 8, Köln, Sept. 1989.

 

 

 

 

Wie so oft im Französischen, ist alles eine Frage des Akzents. Hiesse es La tâche statt La tache - die Bedeutung wäre eine ganz andere. Dennoch schwingen beide Bedeutungen mit, wenn man das Videotape betrachtet: den langwierigen Versuchen einer aus dem Nichts auf den Bildschirm reichenden Hand, den für den Betrachter unsichtbaren Fleck (frz.: la tache) zu entfernen, haftet etwas ebenso routiniertes wie mühseliges an. Es scheint eine beschwerliche Aufgabe (frz.: la räche) zu sein, die der unsichtbare Eigentümer dieser Hand hier auf sich genommen hat.

 

Dieser Fleck, wer hat ihn verursacht? Es könnte ihm etwas Schmutziges, ja sogar Obszönes anhaften, mit solcher Gründlichkeit versucht die Hand, die vielleicht seine Ursache war, ihn zu beseitigen. Assoziationen dieser Art werden durch die Verwendung von Ausschnitten aus La tache in einem Video über Cy Twombly bestärkt: Antizipierende Gipsstatuetten, die dazu bestimmt sind heimischen Gärten vor Reihenhäusern etwas vom Flair des Parks eines Lustschlosses zu geben, werden durch Zitate aus La tache verknüpft mit Aufnahmen einer provinziellen Striptease-Show auf der Bühne einer unglaublich banalen Mehrzweckhalle. Dazwischen korrespondierende, erotische Details aus Twombly-Zeichnungen. In der Tat, es ist genau diese Verbindung des klassischen mit dem latent Obszönen, wie sie sich bei Twombly findet, die aus La tache, ein “Scharnier zwischen den frühen, streng rhythmischen Videos und den späteren Arbeiten machte (Guiton über Guiton).

 

Während die Arbeiten bis 1985 (Holzstücke 1982, Partitur 1983, Fußnote 1985) eine formale Rhythmisieren des Bild- und Ton Schnitts bis zur handwerklichen, technischen und ästhetischen Perfektion brachten, kündigt sich mit La tache eine überraschende Wende zum Persönlichen an, die dann in Arbeiten wie Une question de souffle (1987) zu einer intimen Dichte geführt wird. Diese Wende zum Persönlichen lässt rückwirkend auch die früheren Arbeiten in einem anderen Licht erscheinen, und die hinter dem Formalen angedeutete, aber nicht ausgesprochene persönliche Botschaft tritt jetzt deutlicher hervor.

 

Die französische symbolistische Dichtung hat die Kunst der Andeutung durch Auslassung in ihrer höchsten Form ausgedrückt. La tache bewahrt die poetische Ambivalenz des Nicht-Sägens wohingegen einige spätere Videos (De la voix 1985, Der Käfig 1986) sich einer gewissen Drastik befleißigen. Aber es ist heute etwas in Vergessenheit geraten, daß das Medium Video an sich eine obszöne Qualität hat - ein Qualität die Guiton in den genannten Arbeiten zum Ausdruck bringt. Dabei ist es noch nicht lange her, daß man als Besitzer eines Videogeräts unvermeidlich des heimlichen Konsums schlüpfriger Bildkonserven verdächtigt wurde. Heute ist dieser Fleck aus dem Image des Mediums mit vereinten Kräften der Elektronik-Industrie und der Medien-Wirtschaft weitgehend wegpoliert worden - ein sauberer Bildschirm für den Blick in eine saubere Welt. Aber der Besuch eines entsprechenden Etablissements kann die immanente Obszönität des Mediums Video, die im übrigen wesentlich zur Verbreitung des Mediums beigetragen hat, sofort wieder vor Augen führen. Hier sind nach wie vor Leute beschäftigt, deren vorrangige Aufgabe in der Beseitigung der entsprechenden Flecken besteht.

 

Da Guiton nicht davor zurückschreckte, eines der symbolistischen Gedichte Baudelaires als Thema und Titel einer Installation zu wählen (L’Albatros 1988) sei hier abschließend La tache mit einem Gedicht Apollinaire konfrontiert, daß ebenso durch die besagte symbolistische Kunst der Andeutung durch Auslassung besticht, wie es über den Symbolismus hinausverweist, durch die zutiefst menschliche Banalität seines Sujets. Ausserdem zeigt es, so wie Cy Twomblys Zeichnungen, die Schwierigkeit der Aufgabe die antike

 

Drastik des Eros in ein heute akzeptables, nicht schlüpfriges Bild zu überführen. Apollinaire Gedicht ist, wie einige der Videos von Guiton, ein Beleg für die latente Obszönität jedes Bildmediums eine Obszönität, die aus der Einsamkeit des Menschen vor der zum Bild geschrumpften Welt resultiert. Das Gefühl dieser Einsamkeit wird uns durch den Ausbau der medialen Ersatzwelten in Zukunft noch vertrauter werden.

 

Dieter Daniels

 

 

 

 

 

 

 

Vae Soli

 

Hélas s’en sont venus ä la male heure

Diogène le chien avec 0nan

 

Le grimoire est femme lascive et pleure

De chaud désir avec toi maintenant

 

Or la bouche

Que voudrait ta caresse est lointaine

Des Reines

Désirent entrer dans ta couche

Car delà le réel ton désir les brula

 

Hélas tes mains tes mains sont tout cela

Et l'estampe est chair douce

 

Guillaume Apollinaire