Die Audienz

Zur Magdeburger Installation von Jean-François Guiton

 

Dr. Sabine Maria Schmidt

in Katalog Zeit Raum Geschichte, Die Audienz, Kulturhistorisches Museum Magdeburg, 2001 

 

 

Für Magdeburg hat der aus Frankreich stammende und in Deutschland lehrende Videokünstler Jean-François Guiton (geb.1953) eine raumgreifende, dreiteilige Videoinstallation geschaffen. Als Ansatzpunkt seiner Überlegungen und Konzeptionen im Umfeld der Ausstellung “Otto der Große, Magdeburg und Europa” galt die Frage nach ästhetisierten Strukturen mittelalterlicher Herrschaftsausübung.

 

Thema seiner Installation ist die Zeremonie der Audienz, aus der der Künstler motivische Versatzstücke in eine neue visuelle Sprache übersetzt. Zur Zeit der ottonischen Epoche gehörten zeremonielle Empfänge zum Alltagsgeschäft des Kaisers, der ein wandernder Herrscher durch ein großes Reichsgebiet war. Die Audienz war dabei ein wichtiges Instrumentarium zur Herrschaftsausübung, in ihr wurden Regierungsgeschäfte, Rechtsprechungen oder Bittstellungen abgewickelt und vor allem diplomatische Kontakte gepflegt. Eine “Audienz” ist immer durch ein genau festgelegtes Protokoll und ein hohes Maß an ästhetischen, religiösen und sozial codierten Strukturen ausgestaltet. Die schillernde und detailgetreue Beschreibung des Empfanges seitens eines (oft exotischen) Herrschers gehört zu den Lieblingstopoi historischer Reisebeschreibungen. Als prägnantes Beispiel aus dem Kontext der Ausstellung zu “Otto dem Großen” kann die Gesandtschaft des Johannes von Gorze nach Cordoba 954 dienen. Bis es zu einer Audienz mit dem Kalifen Abd ar-Rahman III kommen sollte, waren reichliche diplomatische Konflikte zu lösen, die nicht zuletzt durch protokollarische Verstöße des Gesandten entstanden. Die herausgehobene Bedeutung und Funktion der feinen Unterschiede in den Protokollen der mittelalterlichen Höfe und Herrscher zur Fundamentierung ihres eigenen Herrschaftsanspruchs wird hier eindrücklich deutlich. [1]

 

Jean-François Guiton geht es nicht um historische Details oder Rekonstruktionen. Vielmehr greift er motivische Ideen auf, die Parallelen zu zeitgenössischen Erfahrungen und Sichtweisen erlauben und nach hierarchischen Strukturen unserer Zeit fragen. Er filtert drei Bestandteile aus dem imaginierten Ablauf einer Audienz heraus, die zu Metaphern eigener Bildräume werden: zunächst das vor Audienzen (heute sind es Geschäftstermine, Bewerbungen, Sitzungen etc.) unvermeidliche Warten in einem Vorraum, das Treffen der Höflinge untereinander (ihre Formierung, ihre Ehrerweisungen, ihre dienende oder unterwürfige Haltung vor dem Herrscher) und zuletzt die zeremonielle Inszenierung des “Herrschers” (die heute primär medial vermittelt wird und seltener leibhaftig geschieht).

 

Im ersten Teil der Installation sind die Schritte des Wartenden über vier Monitore zu einem zeitlich und visuell neu strukturierten Bild zusammengefügt. Die Perspektive der filmenden Karmera ist allein auf den Fußboden gerichtet, eine mediale Doppelung des Fußbodens der Galerie des Ausstellungsraumes, der durch die Bewegungen des Wartenden/Filmenden animiert wird. Die minimalistische, visuelle Rhythmisierung wird durch den eindringlichen Ton der “Schritte” nahezu psychologisch aufgeladen.

 

Hektische Betriebsamkeit, das sich unendlich wiederholende Nicken und Verbeugen der Höflinge,  anthropomorph-technoid wirkende Aufnahmen von Maschinenteilen einer Fabrik, führen den Betrachter in den Raum hinein. Die “Höflinge”, deren automatisierte Bewegungen nicht synchronisiert, sondern “individuell” rhythmisiert sind, bilden in ihrer Anordnung eine Passage. Es bleibt dem Betrachter frei, sich zu ihnen zu gesellen oder in die Rolle eines Gesandten zu schlüpfen.

 

Auch in diesem Teil der Arbeit entstehen unterschiedliche, räumliche Klang- und Tonzonen, die verschiedene Stimmungen und Intensitäten schaffen. Guiton schafft damit nicht nur ein visuelles, sondern ebenso akustisches Environment, das an die Musikalität der “musique concrète” erinnert, d.h. von in der Umwelt aufgelesenen, gesampelten und verarbeiteten Geräuschen. In dieser Arbeit steht die Repetition visueller und akustischer Strukturen für den einzelnen Monitor in Einklang, zusammen bilden die Monitore ein im zeitlichen Ablauf gegeneinandergeführtes, sich bisweilen überlappendes oder sich durchdringendes Gemisch der Motive. Mit nur wenigen Motiven erreicht er dabei ein komplexes Geflecht aus Variationen.

 

In zentralperspektivischer Mitte der Installation erscheint das “Bild des Herrschers” in der Abstrahierung von ornamental zerrinnenden Worten. Der dritte Teil der Installation ist tonlos, der schweigende Herrscher ist dennoch omnipräsent durch die Präsenz visualisierter Sprache.

 

In dieser computergenerierten Videoprojektion erscheinen Begriffe, die im weiteren Sinne um das Ausüben der Macht, ihre Kehrseiten wie Gewalt und Unterdrückung kreisen. Sie verweisen damit nicht zuletzt auch auf die durchaus ambivalente Position des im Ausstellungskontext gefeierten Herrschers. Immer wieder lösen sich die Begriffe auf, um sich neu zu formieren. Die Anordnung wird lesbar als Metapher für die zyklisch sich wiederholende Vergänglichkeit und Neuentstehung von Herrschaftsstrukturen - ein klassisches Vanitas-Motiv. Ironisch bringt Guiton dabei “herrschende Strukturen” unseres Computerzeitalters ein, so mit dem zunächst hintergründigen, sich dann aber immer wieder vor das Bild drängenden Bildschirmschoners als Erscheinung eines verborgenen, bestimmenden Subtextes bzw. Hypertextes von Computerprogrammen.

 

Charakteristisch für die Arbeiten Guitons ist ein intensiver Umgang mit der Zeit und der Reflexion von Zeit als konstituierendem Merkmal für das bewegte Bild. Es gibt Momente der Wiederkehr, der Wiederholung von Motiven, der Umkehrung von Zeit, ihrer Beschleunigung und Verlangsamung, um auf diese Weise eine künstlerische Zeit, die Eigenzeit des Kunstwerkes, gegenüber der linear gerichteten Zeit des alltäglichen Lebens zu gewinnen. [2] Seine Arbeiten könnten auf den ersten Blick als minimalistisch oder konzeptuell bezeichnet werden, wäre in ihnen nicht auch immer eine narrative, literarische, ja bisweilen mythische Ebene auszumachen; ein “Gehalt”, der sich in besonderer Weise mit der zum Einsatz kommenden Technik ergänzt und überlagert. Guitons Arbeiten erzählen Geschichten, die Raum für Assoziationen lassen und die weder einen festgelegten Anfang noch ein Ende benötigen. In seinen “Videoerzählungen” ist jederzeit ein Quereinstieg möglich. Seine Geschichten berichten gleichzeitig von der Tatsache des Erzählens im Rahmen ihrer medialen Vermittlung. Dabei verweisen sie immer auch auf die Medien, deren Hardware auch im skulpturalen Sinn zum Einsatz gelangt und Thema der Arbeit ist.

 

Die Bedeutung der Videokunst oder allgemeiner der Zeit in der gegenwärtigen Kunst ist auch mit der grundlegenden Bedeutung verknüpft, die die Kategorie der Geschwindigkeit in der heutigen Realität gewonnen hat. Sie steht der mittelalterlichen Vorstellungswelt zunächst diametral gegenüber. Guiton schafft Metaphern für die “Flüchtigkeit der Bilder” und Bilder der Flüchtigkeit, die ikonographische Verflechtungen mit kunsthistorischen Vorbilden einbeziehen, sich mit der Thematik des Todes, der Macht der Bilder und religiös-archaischen Motiven überschneiden.

 

Sabine Maria Schmidt

 

 

[1] Fernando Valdés Fernández: Die Gesandtschaft des Johannes von Gorze nach Cordoba, in: Ausst.Kat. Otto der Große, Magdeburg und Europa, Mainz 2001, Bd. 1, S. 526-536.

 

[2] Ausführlich hierzu Peter Rautmann/Nicolas Schalz: Flüchtiger Augenblick. Zur Rolle von Bild und Klang in den Videoarbeiten von Jean-François Guiton, in: Kat. abwechselnd.gleichzeitig, Kunstverein Ludwigshafen a.Rh., Ludwig Museum Koblenz 2001, S. 25-43.